E1: Exkurs: Torfbahnhof Rottau

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Von der Hochreserve Klaushäusl aus bietet sich ein herrlicher Ausblick auf die Kendlmühlfilzen. Dort befindet sich auch der Torfbahnhof Rottau mit seinem Bayerische Moor- und Torfmuseum.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im östlichen Teil der Kendelmühlfilzen großflächig Torfabbau zur Brennstoffgewinnung für die Saline Traunstein (Salzproduktion) und für die Maxhütte Bergen (Eisenproduktion) betrieben. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde dann die ganze Filzen unentbehrlicher Lieferant für den Rohstoff Torf, da eine Teil der Kohleförderung eingebußt wurde. 1920 entstand entlang der Eisenbahnlinie Rosenheim – Salzburg eine Verladestation (Torfbahnhof), die einige Jahre später zur großen Torfstreufabrik ausgebaut wurde. Sie diente der besseren Beförderung von brennfertigen Torf. Torfsoden als Brennmaterial wurden aus der südlich angrenzenden Kendlmühlfilzen auf Feldbahnzügen herantransportiert und auf Waggons der Normalspur noch bis ins Jahr 1988 verladen.

Besucher erfahren im ehemaligen Torfbahnhof Rottau, in dem heute das Bayerische Moor- und Torfmuseum Rottau beheimatet ist, mehr über die Hoch- und Niedermoore Bayerns, über die Arbeitsgeräte beim Handtorfstich, sowie über die Nutzung dieses Industriedenkmals zur Torfproduktion. Sie können auch eine vollständig erhalten gebliebene Torfballenpresse besichtigen und eine Fahrt mit der Feldbahn ins Moor unternehmen. Diese war das einzige Transportmittel, welches sowohl Personal als auch Torf durch das Moor transportieren konnte.

 

Der Handtorfstich

Das händische Torfstechen mit verschiedenen Geräten war harte Arbeit. Im Hochmoor Kendlmühlfilzen wurden die Torfstücke mit dem Grabscheit (Torfspaten) senkrecht vorgestochen und mit dem Torfmesser in der Waagrechten herausgeschnitten. Danach wurden die Torfstücke zum Trocknen aufgekastelt. Um den Torf zu transportieren wurden Torfkarren oder schmalspurige Torfwagen (400 mm) verwendet. In der folgenden Galerie sehen sie die einzelnen Arbeitsschritte dargestellt vom Museumsvorsitzenden Herrn Ekkehard Barchewitz.

Galerie: Artefakte des Museumsverein Torfbahnhof Rottau e.V.: © Fotos Salzburg Research

 

Funktionsweise der Torfballenpresse

Im  Bayerische Moor- und Torfmuseum Rottau befindet sich die einzige, vollständig erhalten gebliebene Torfballenpresse im Torfbahnhof (nebem dem Museumsgebäude) befindet. Die Torfballenpresse wurde im Frühjahr 2013 wieder mit einem elektrischen Antrieb versehen und nun voll funktionstüchtig und steht für Vorführungen bereit.

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Video: Torfballenpresse (© Ekkehard Barchewitz)

Torfprodukte

Heute kennt man die Verwendung von Torf beispielsweise als Brennstoff, in der Blumenerde oder als  Moorbad und Salbe. Haben Sie jedoch gewusst, dass für einen Vorläufer der heutigen Babywindel Torf verwendet wurde?

Um den Absatz von Torfprodukten auszuweiten, entwickelte Floragard in den 30er Jahren den sogenannten „Flora-Säuglings-Torfmull“, einen Vorläufer der Windel zur Trockenbettung von Säuglingen.
Schautafel Torfmuseum Rottau: Flora-Säuglings-Torfmull © Foto Salzburg Research

In den 30er Jahren war die Firma Floragard erfinderisch und entwickelte, um seinen Absatz von Torfprodukten auszuweiten, den sogenannten „Flora-Säuglings-Torfmull“, einen Vorläufer der Windel zur Trockenbettung von Säuglingen.

Aus dem Leben eines Torfarbeiterbuben

Viele Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war der Torf aus den Kendlmühlfilzen im Alltag vieler Bewohner unentbehrlich geworden. Der Torf wurde als Brennmaterial für die Saline Traunstein aber auch für den Eigenbedarf  (z. B. Brennmaterial, Stalleinstreu) gestochen. Ludwig Hieber berichtet darüber, wie seine Kindheit in der Kendlmühlfilzen ausgesehen hat. (Hotz 2012, S. 9 ff)

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Audio: “Ludwig Hieber’s Geschichte” nacherzählt

 

Auf die Welt gekommen bin ich im Jahr 1924 in der Torfarbeitersiedlung „Kendlmühlfilze“. Filzler nannten uns die Rottauer, und sie sprachen es mit jener Geringschätzung aus, mit der sie auf jeden herunterschauten, der keinen Grund und Boden besaß. Die Arbeitersiedlung in der wir wohnten, wurde gegen Ende des 1. Weltkrieges von den Bayerischen Landestorfwerken errichtet. Sie umfasste zwei Wohnhäuser, fünf Baracken unterschiedlicher Größe und sah schäbig aus. Dort lebten durchwegs kinderreiche Arbeiterfamilien aber auch Hausierer, Besenbinder, Korbmacher und Kriegsinvalide, die nicht mehr arbeiten konnten. Die Situation dort war verherrend, denn immer ab Mitte Oktober wurde die Arbeit im Torfwerk eingestellt. Wir hungerten und froren während der Wintermonate und bekamen aufgrund der Kälte Krätze und Furunkel im Gesicht. Jedes Jahr erfuhren wir das gleiche Elend, bis 1933 Hitler an die Regierung kam. Plötzlich stellte das Torfwerk bereits Anfang April wieder Arbeiter ein und im darauf folgenden Winter mussten wir das erste Mal nicht mehr frieren, da das Torfwerk den Lohn weiterzahlte.

Das Torfstechen war Sache des Vaters, die Mutter karrte die Torfstücke weg und schlichtete sie zum Trocknen kreuzweise auf. Dies nannte man Kasteln. Nach der Schule die im Sommer schon um 11 Uhr aus war, musste ich oft mithelfen beim Kasteln. Ich habe die Torfarbeit und das ganze Moor gehasst. Im Hochsommer stand die Hitze über der Moorlandschaft und brachte die Luft zum Wabern. Aufgrund der verschwitzten Haut quälten uns die Bremsen bis aufs Blut und auch die Angst vor den Kreuzottern war groß.

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Torfstecher in Kendlmühlfilzen um 1925 © Bildarchiv Bayer. Moor- und Torfmuseum (in Hotz 2012, S. 10)

 

 

 

 

 

 

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Postkarte Handtorfstich II © Bayerisches Moor- und Torfmuseum Rottau
Postkarte Handtorfstich II © Bayerisches Moor- und Torfmuseum Rottau

 

Wie wurde der Rohstoff Torf gewonnen? Torf wurde...

Vergleich zwischen früher und heute

Schiebe den Balken hin und her um die Unterschiede zu entdecken!

Torfbahnhof Rottau © Bayer. Moor- und Torfmuseum Rottau
Torfbahnhof Rottau heute © Foto Salzburg Research

Weiterführende Informationen

Hotz, Claus-Dieter (2012). Die Kendlmühlfilzen im Chiemgau – ein Hochmoor gebraucht, geschunden, geschützt. Schriftenreihe: Moor und Mensch, Heft 1, Druckerei Miller, Traunstein

Hotz, Claus-Dieter (2013). Der Torfbahnhof Rottau/Chiemgau – 25 Jahre unter Denkmalschutz. Schriftenreihe: Moor und Mensch, Heft 2, Druckerei Miller, Traunstein



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